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Inhalt "Erdbebengerechtes Bauen mit lokal verfügbaren Materialien in Zentralasien in Taschkent/Fergana, Usbekistan"

Vorwort

Die Regionen Zentralasiens gehören zu den seismisch aktivsten Gebieten der Erde. Bautechniken und -konstruktionen müssen deshalb den Prinzipien des erdbebengerechten Bauens folgen, um im Falle eines Bebens Verluste an Menschenleben zu verhindern und Schäden an baulichen Anlagen zu begrenzen. Die hohe Erdbebengefährdung macht es erforderlich, bei der Sanierung historisch bedeutsamen Bausubstanz und bei der Bewertung der Effektivität der Maßnahmen ihrer Ertüchtigung auch den Erdbebenaspekt zu berücksichtigen.

Aufbauend auf bestehenden wissenschaftlichen Kontakten und durchgeführten Projekten sollte der Workshop zum ”Erdbebengerechten Bauen mit lokal verfügbaren Materialien in Zentralasien”  folgende Schwerpunkte behandeln:

  1. Sanierung und seismische Ertüchtigung vorhandener Wohnbausubstanz aus traditionellen Baumaterialien (Lehm, Holz) in städtischen Wohnquartieren.
  2. Kostengünstiger Wohnungsneubau mit traditionellen Baumaterialien und -techniken in ländlichen Gebieten.
  3. Probleme der Sanierung kulturhistorisch bedeutsamer Bausubstanz mit der Fallstudie Registan-Platz Samarkand.

Die genannte Veranstaltung fand vom 05.10. bis 08.10.1996 im Rahmen der erstmals durchgeführten Kulturwochen der Bundesrepublik Deutschland in Zentralasien statt und wurde in Zusammenarbeit zwischen dem Usbekischen Staatskomitee für Wissenschaft und Technik, den Hochschul- und Forschungseinrichtungen Usbekistans und der Bauhaus-Universität Weimar organisiert.

Grundlage für die Veranstaltung bildeten inhaltlich die langjährigen wissenschaftlichen Beziehungen und  gemeinsam durchgeführten Veranstaltungen und Projekte. Hervorzuheben sind die Erarbeitung und Abstimmung von IDNDR-Projektvorschlägen zum erdbebengerechten Bauen in Zentralasien (Usbekistan, Kirgistan, Kasachstan) als Ergebnis einer entsprechenden Missionsreise 1993 durch die Herren Dr. Schwarz und Dr. Schroeder, die Durchführung eines internationalen Seminars ”Erdbebengerechte Sanierung einzelner Gebäude des Registan-Platzes Samarkand” vom 29. bis 30. März 1995 in Weimar, die gemeinsame Auswertung von Schadensbeben in Zentralasien und die Herausgabe einer als Musterkatalog konzipierten Analyse der ostkasachischen Beben von 1990.

Mit dem 1996 durchgeführten Workshop ist es gelungen, die in den Jahren 1993-1995 vorbereiteten IDNDR-Projekte inhaltlich zu präzisieren und durch Akzentuierung der Problemkreise erdbebengerechtes Bauen mit den lokal verfügbaren Materialien, einerseits,  und Verstärkung und Rekonstruktion von kulturhistorisch wertvoller Bausubstanz in Erdbebengebieten, andererseits, auch die Realisierungsmöglichkeiten zu befördern.

Mit dem Workshop wurden unterschiedliche Zielsetzungen verfolgt. Die hochschulpolitische Zielstellung bestand in der Vorbereitung einer projektbezogenen, wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen deutschen und usbekischen Hochschul- und Forschungseinrichtungen.

In diesem Kontext ist der Abschluß einer Projektvereinbarung zwischen dem Staatskomitee für Wissenschaft und Technik Usbekistans und der Bauhaus-Universität Weimar zu würdigen und als herausragendes Ergebnis der Veranstaltung hervorzuheben. Das Staatliche Komitee für Wissenschaft und Technik repräsentiert dabei die Einrichtungen der Bauhochschulen Taschkents (TASI) und Samarkands (SamGASI), des Polytechnisches Instituts Fergana sowie des  Erdbebenforschungs- und Projektierungszentrum Usbekistans (UzLITTI). Die gewählte Form der Projektvereinbarung soll gewährleisten, daß längerfristig die Einbeziehung der auf den Gebieten ausgewiesenen und zuständigen Einrichtungen bzw. Fachleuten Usbekistans erfolgen kann.

Da die behandelten Problemfelder grundsätzlich auf andere zentralasiatische Länder übertragbar sind, muß es als Erfolg gewertet werden, daß auch die Teilnahme von Fachleuten aus Kasachstan, Turkmenistan, Tadshikistan und Kirgistan ermöglicht werden konnte.

Im Rahmen der abgeschlossenen Projektvereinbarung vorgesehen ist die Durchführung gemeinsamer wissenschaftliche Arbeiten, experimenteller Untersuchungen,  Probenahmen und Veröffentlichungen zu den Schwerpunkten:

  • Erdbebengerechtes Bauen mit lokal verfügbaren Materialien, Erprobung und Entwicklung von Musterlösungen, Analyse von Erdbebenschäden
  • Beobachtung, Instandsetzung, Verstärkung und Rekonstruktion von kulturhistorisch wertvoller Bausubstanz in Erdbebengebieten.

Durch die wissenschaftlichen Zielstellungen der Veranstaltung sollten unterschiedliche Problemfelder beleuchtet werden. Auf der Grundlage einer komplexen Analyse der vorhandenen Bausubstanz, ihres Zustandes und ihrer Erdbebensicherheit (Schadensanalyse zentralasiatischer Erdbeben) sollten Grundtypen von Konstruktionselementen herausgearbeitet und einfache Verstärkungstechniken entwickelt werden.

Der Wohnungsneubau hat der begrenzten Verfügbarkeit von Baumaterialien und der Kostenfrage Rechnung zu tragen. Zur Verdeutlichung der Problematik wurde deshalb vereinbart, die Veranstaltung in einer seismisch besonders exponierten Region durchzuführen, in der die verschiedenartigen Lehmbauweisen im privaten Baubereich nahezu vollständig dominieren (Stadt Fergana im gleichnamigen Tal).

Anforderungen an das erdbebengerechte Bauen und ihre praktische Umsetzung in Baunormen waren zur Unterstützung der Baukontrolle vor Ort zu diskutieren. Begleitend zur Bestandsaufnahme der traditionellen Bautechniken wurde des weiteren auch die Möglichkeit der experimentellen Untersuchung von Musterbauten oder verstärkten Wandelementen aus Erdbaustoffen sowie die Entwicklung von Typenprojekten behandelt.

Maßnahmen zur Verstärkung und Erhaltung der kulturhistorisch z. T. einzigartigen Bausubstanz wurden auf die Entwicklung und Umsetzung eines komplexen Instandsetzungskonzeptes orientiert. Dies setzt voraus, daß neben den Umwelteinflußfaktoren auch die hydrogeologischen und Gründungsbedingungen und ebenso die Vorschädigung der Bausubstanz und die mögliche Substitution der Baumaterialien (traditionelle Techniken) Berücksichtigung findet.

Mit der Veranstaltung konnten begonnene Aktivitäten zur erdbebengerechten Sanierung von Gebäuden des Registan-Platzes in Samarkand weitergeführt und u.a. am Beispiel der Tila-Kari Medrese und anderer kulturhistorisch wertvoller Objekte konkretisiert werden. So wurde unmittelber vor der Tagung an einem ausgewählten kulturhistorischen Bauwerk Meßtechnik der Bauhaus-Universität installiert und am konkreten Beispiel die Bauwerksüberwachung demonstriert. Begleitend dazu wurden Proben des salz- und feuchtegeschädigten Mauerwerks genommen. Auf dieser Grundlage sollte eine komplex gestaltete Instandsetzungskonzeption mit den Partnereinrichtungen in Taschkent sichergestellt werden. Ergebnisse der Untersuchungen und Auswertungen wurden in den Tagungsband aufgenommen.

Im Vorfeld der Tagung war es gelungen, Studenten vor Ort in wissenschaftliche Voruntersuchungen einzubinden. Auf Grundlage dieser Ergebnisse konnten bereits zur Veranstaltung Detailprobleme akzentuiert erörtert werden. In der Nachbereitung dieser Recherchen und Analysen wurden Diplom- bzw. Studienarbeiten vorgelegt, deren Schwerpunkte auch den Tagungsrahmen repräsentativ widerspiegeln. Die im vorliegenden THESIS-Heft aufgenommenen Beiträge sind Ausdruck der Fortführung der wissenschaftlichen Arbeiten und der Unterstützung durch usbekische Fachkollegen bei den Untersuchungen vor Ort zu verdanken. 

Der Workshop ”Erdbebengerechtes Bauen mit lokal verfügbaren Materialien in Zentralasien” wäre ohne die Förderung und Untersützung seitens des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), des Deutschen IDNDR-Komitees für Katastrophenvorbeugung und der Bauhaus-Universität Weimar und ohne die vorbildliche Organisation seitens des Staatliche Komitees für Wissenschaft und Technik Usbekistans nicht möglich gewesen. Wir danken allen Beteiligten, die durch ihr Auftreten und ihre engagierte Mitwirkung zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben.

 

Frank Werner, Horst Schroeder und Jochen Schwarz

 

 

Inhalt

 

Erdbebengerechtes Bauen in Zentralasien unter Verwendung lokal verfügbarer Materialien

J. Schwarz
Bauen in seismisch aktiven Regionen mit traditionellen Bauverfahren. Wissenschaftliche Anforderungen und praktische Realisierung.

H.-G. Schmidt
Standorteffekte bei der Untersuchung von Bauwerken unter Erdbeben - Erfahrungen aus aktuellen Erdbebenanalysen

H. Schroeder
Bauen mit lokal verfügbaren Materialien in  Deutschland - Aktuelle Tendenzen des Bauens mit Erdstoffen

 

Methoden der Bauwerksüberwachung und Zustandsbewertung

W. Bernuth
Moderne Methoden der experimentellen Bauwerksdiagnostik

L. Goretzki
Instandsetzung von feuchte- und salzbelastetem Mauerwerk

H. Wirth
Denkmalpflege in erdbebengefährdeten Regionen

I. Mielke; J. Stark
Übersicht zu Baustoffschäden an usbekischen Kulturdenkmälern

S. Freyburg; J. Stark
Beitrag zur Erhaltung von keramischen Baustoffen usbekischer Kulturdenkmale

M. Gerner
Grundlagen der denkmalpflegerischen Untersuchungs- und Sanierungsmethoden

 

Beiträge zu wissenschaftlichen Nach- bzw. Folgeuntersuchungen

L. Goretzki
Typische Mauerwerksschäden am Beipiel der Medrese Abul Quosim; Taschkent/Usbekistan

J. Schwarz, M. Raschke
Erdbebentauglichkeit traditioneller Bauweisen in Zentralasien am Maßstab makroseismischer Untersuchungen

G. v. Haza-Radlitz, J. Schwarz, H. Schroeder
Probleme des erdbebengerechten Bauens in Zentralasien am Beispiel von Städten entlang der Seidenstraße